AUS DER PRAXIS

Teil 2 – Führungsstufen und Führungsorganisation der betrieblichen Einsatzleitung

Text: Jürgen Schreiber | Foto (Header): © กุลชาญ สุขสมถิ่น – stock.adobe.com

Da überall in Deutschland Notfälle und Gefahrenlagen von Feuerwehr und Rettungsdiensten erfolgreich beherrscht und beseitigt werden und diese auch in Großschadenslagen und Katastrophen für die Gefahrenabwehr zuständig sind, lohnt sich ein Blick in die Führungsorganisation gemäß der deutschlandweit gültigen und in den Bundesländern per Erlass eingeführten Vorgaben der „Dienstvorschrift 100, Führung und Leitung im Einsatz“, die dieses Thema auch für alle anderen Einsatzorganisationen in der öffentlichen nicht polizeilichen Gefahrenabwehr bis in den Katastrophenschutz hinein regelt. An dieser können sich die betrieblichen Organisationstrukturen wie z. B. der Krisenstab orientieren, um im Gefahrenfall schnell funktionsfähig zu sein.

Besondere Aufbau- und Ablauforganisation

Hier werden grundlegend vier unterschiedliche Führungsstufen beschrieben, deren Gliederung und personelle Besetzung sich fließend aus der Entwicklung des Schadens- und Aufgabenumfangs ergeben. Das bedeutet, je größer sich der Scha-dens- und Aufgabenumfang entwickelt, desto größer wird auch die Einsatzleitung. Bei Rücknahme von Einsatzmaßnahmen im Rahmen der Einsatzbewältigung, wird auch die Führungsstruktur wieder angepasst.

Während in der Führungsstufe A ohne Führungseinheit gearbeitet werden kann, werden ab der Führungsstufe B örtliche Führungseinheiten mit zunehmender Größe bis hin zum Führungsstab – den größer dimensionierten Einsatzlagen angepasst – eingesetzt.

Übersicht der Führungsstufen gemäß FwDV 100; Bild: © Jürgen Schreiber

Es ist empfehlenswert, auch in der betrieblichen Ereignisbewältigung eines Unternehmens ein solches Stufenkonzept – entsprechend der internen Möglichkeiten – aufzubauen. Natürlich müssen Größe und Struktur des jeweiligen Unternehmens berücksichtigt werden. In klein- und mittelständigen Unternehmen gelten sicher andere Ansätze als in großen industriellen Konzernen.

Als Beispiel soll hier ein 3-stufiges Format vorgestellt werden, bei dem aufgabenbezogene zuständige Bereiche eines Betriebsstandortes als konzeptionelle Grundlage dienen. Verwaltung, Produktionsbereiche, Logistik, Infrastruktur, Facilityma-nagement usw. könnten dabei berücksichtigt werden.

A Führen ohne Führungseinheit

Die erste Stufe ist ein Zuständigkeitsbereich einer Führungskraft in Bereichszuständigkeit. Ereignisse, die ausschließlich diesem Fachbereich betreffen, sollen durch die Führungskraft eigenständig ohne weitere Führungseinheit selbst dann bewältigt werden, wenn externe Hilfe oder Hilfe aus anderen Betriebsteilen notwendig wird. Eine Führungsunterstützung könnte in der Linienorganisation (AAO) durch direkt unterstellte Führungs- oder Eckkräfte erfolgen.

B Führen mit Leitungsteam

Diese zweite Stufe beinhaltet bereits eine „Besondere Aufbau- und Ablauforganisation“ (BAO), in der, unabhängig von der üblichen Linienorganisation der einzelnen Betriebsbereiche, im Sinne einer Einsatzleitung die Ereignisbewältigung gesteuert wird. Oftmals ist diese „kleine Einsatzleitung“ notwendig, wenn durch das Gefahren- oder Störungsereignis mehrere Be-triebsbereiche betroffen sind. Wassereinbruch durch Leitungs- oder Regenwasser in großem Umfang oder umfangreiche Sturmschäden sind gute Beispiele für Ereignis-Dimensionen. Die zuständigen Bereichsleiter sind Mitglieder der Einsatzleitung und unterstützen den Bereichsleiter des Ereignisortes oder betroffenen Bereichs. Zusätzlich können Fachkräfte mit besonderem Wissen oder Aufgabenumfang als Führungsunterstützung eingesetzt werden.

C Führen mit Betriebs-Krisenstab

Die dritte und größtmögliche Führungseinheit der BAO eines Unternehmens wird dann eingesetzt, wenn bereichsübergreifende Störungen oder Großschadenslagen den gesamten Unternehmensstandort beeinflussen. Unter Leitung des Unter-nehmers/der Unternehmerin selbst oder eines Standortleitenden werden alle Prokura innehabenden Personen, Bereichsleitende und zuvor für diese Aufgabe benannten Fach- und Unterstützungskräfte im Betriebs-Krisenstab eingesetzt. Zu beachten ist, dass diese Führungseinheit eine eigene Koordinationsfunktion erhält, die auch als „Stellvertretende Einsatzleitung“ autorisiert ist, Entscheidungen zu treffen, wenn die eigentliche Leitungsfunktion andere wichtige Aufgaben, z. B. in Zusammenarbeit mit übergeordneten und externen Strukturen oder Medien, durchführt.

Beispiel betrieblicher Führungsstufen der BAO; Bild: © Jürgen Schreiber

Beispiel-Führungsorganisation der Stufe B

Die nachfolgende Grafik der Beispiel-Führungsorganisation einer betrieblichen Einsatzleitung der Stufe B nimmt in der Darstellung unterschiedliche Funktionalitäten und ihrer Einbindung auf.

  • Vollfarbig abgebildete Funktionsfelder mit weißer Schrift sind die Kernfunktionen, die in jedem Fall am Krisenmanagement beteiligt sein sollten.
  • Lagebedingte, damit optionale Einbindung erfahren die Bereichsleitungen der nicht farbig ausgefüllten Bereiche mit dunkler Schrift.
  • Leicht eingefärbte Funktionsfelder mit dunkler Schrift stellen Funktionen dar, die als Unterstützungskräfte oder verbindungspersonal zu externen Stellen der Einsatzleitung angehören, die aber nicht an Entscheidungsprozessen beteiligt sind.

Modell betrieblicher Einsatzleitung Stufe B; Bild: © Jürgen Schreiber

Dieses System wird auch in der Grafik der Beispiel-Führungsorganisation einer betrieblichen Einsatzleitung der Stufe C aufgenommen und funktionell erweitert.

Modell betrieblicher Einsatzleitung Stufe C; Bild: © Jürgen Schreiber

Als Erweiterung ist neben der „Vollbesetzung“ aller Funktionen der Einsatzleitung, die Leitung der Einsatzleitung mit hinzugekommen (in gestrichelter Darstellung mit weißem Hintergrund). Diese Aufgabe ist erfahrungsgemäß immer dann wichtig, wenn ein Ereignis so katastrophale Formen angenommen hat oder so spezifisch geworden ist, dass die Unternehmens- oder Standortleitung nicht mehr permanent in der betrieblichen Einsatzleitung präsent sein kann und wichtige andere Aufgaben wahrnehmen muss. In diesen Fällen hilft es, von vornherein eine Vertretungsfunktion zu benennen, die neben der Koordinierungsaufgabe im Ereignisfall ebenfalls für die Gesamtorganisation des betrieblichen Ereignis- und Notfallmanagements des Unternehmens verantwortlich sein sollte.

Durch die Etablierung einer Einsatzleitung mit der zuvor empfohlenen Aufbauorganisation, kann ein Einsatzleiter/eine Einsatzleiterin eines Unternehmens zu jedem Zeitpunkt eines Ereignisses, situationsbedingt zwischen vier Alternativen der Größe der Einsatzleitung entscheiden.

  • Deeskalation und Rückführung der Einsatzleitung in Stufe A
  • Durchführung der Einsatzleitung im Kernteam der Stufe B
  • Ergänzung des Kernteams der Stufe B mit spezifischen Nachforderungen
  • Eskalation der Einsatzleitung in Stufe C

Wichtig ist es, allen ausgewählten und ernannten Personen in der Einsatzleitung zu vermitteln, dass sie nicht auch noch, neben der Arbeit in der betrieblichen Einsatzleitung, die eigene Bereichs-Linienorganisation führen können. Nach dem Motto „Halte die Einsatzleitung so klein wie möglich, besetze sie dabei so hochrangig wie möglich“ gilt hier der Grundsatz, dass die Bereichs-Linienorganisation, also der eigentliche Verantwortungsbereich von Führungskräften durch deren Vertretungen geführt wird, wenn die eigentlich leitenden Personen in die betriebliche Einsatzleitung alarmiert werden.

Genauso wichtig ist es aber auch, dass allen Kräften in der Einsatzleitung wirklich klar ist, dass Entscheidungen in der BAO „Notfallentscheidungen“ sind, und schnell, sicher und angemessen sein müssen. Hierfür ist es eine unbedingte Voraussetzung, dass nicht die üblichen Entscheidungswege der AAO des Betriebs/Unternehmens gegangen werden können. Es ist also aufgrund von Betriebsvereinbarungen im Unternehmen zu regeln, mit welchen Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten Personen in der betrieblichen Einsatzleitung ausgestattet werden. Für leitende Führungskräfte kann ein umfassender zusätzlicher Versicherungsschutz notwendig werden, weil sie besonderen haftungsrechtlichen Bedingungen unterliegen können.

Ereignisdokumentation

Beispiel eines Dateiaufbaus für ein Einsatztagebuch als Ereignisdokumentation; Bild: © Jürgen Schreiber

Der Autor

Jürgen Schreiber, vor seiner Pension als Leiter der Werkfeuer­wehr eines Automobilherstellers tätig, ist nun Inhaber einer Konsultanz für präventives und reaktives Notfall- und Krisenmanagement mit Spezialisierung auf Einsatzleitung, Stabsarbeit sowie betriebliches Notfall- und Krisenmanagement im Betrieb. Zusätzlich ist er im nationalen und internationalen Krisenmanagement tätig.

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