VERHALTEN IM BRANDFALL

Gefahrensituationen: Stress und Panik?

Text: Dr. Gesine Hofinger und Dr. Laura Künzer | Foto (Header): © Joshua htm – stock.adobe.com

Wer einen Brand erlebt, kann mit Stress reagieren. Erfahrung, Wissen, und eigene Gefährdung
beeinflussen Stress und Angst ebenso wie die umgesetzten Brandschutzmaßnahmen. In diesem
Beitrag werden die Entstehung und Auswirkungen von Stress beschrieben und welche Maßnahmen
gegen Stress im Brandschutz einbezogen werden können.

Auszug aus:

Der Brandschutzbeauftragte
Ausgabe Juni 2020
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Wie verhalten sich Menschen bei Bränden? Worauf müssen sich Brandschutzbeauftragte einstellen? Der folgende Beitrag beleuchtet eine in Gefahrensituationen mögliche Stressreaktion und klärt über die geringe Wahrscheinlichkeit von Panik bei Evakuierungen auf.

Brand = Gefahr = Stress?

Die Reaktionen von Menschen auf ein Brandereignis wird unterschiedlich ausfallen, je nachdem, ob sie eine akute Bedrohung wahrnehmen oder nicht. Nicht die objektiv vorhandene Gefährdung bestimmt das Handeln, sondern die subjektive Interpretation der Situation!

Wenn es in einem Gebäude brennt und deshalb der Evakuierungsalarm ausgelöst wird, ist für die Personen, die sich weitab vom Brand befinden, die Situation ganz anders als für diejenigen, die Rauch riechen oder Flammen sehen. Wer nur den Alarm wahrnimmt, wird vielleicht glauben, dass es ein Fehlalarm oder eine unangekündigte Übung ist. Entsprechend werden die betroffenen Personen eher gemächlich das Gebäude verlassen. Aber auch wer Rauch sieht oder gar riecht, wird sich nicht unbedingt gefährdet fühlen: Viele Menschen wissen über die Gefährlichkeit von Rauch nicht Bescheid.

Viele Brandschutzbeauftragte kennen das Phänomen, dass auf einen Evakuierungsalarm nur zögerlich reagiert wird. Dennoch hält sich die Überzeugung hartnäckig, dass Menschen sofort mit Stress und Panik reagieren, wenn es brennt. Im Folgenden werden wir deshalb zunächst einen Blick auf Stress bei Brandereignissen werfen.

Stress: Eine Frage der Bewertung

Was bedeutet es, Stress zu erleben? Etwas vereinfacht lässt sich sagen: Menschen reagieren mit Stress, wenn zwischen Situationsanforderungen und vorhandenen Ressourcen ein Ungleichgewicht empfunden und dieses als bedrohlich bewertet wird.

Die erste Bewertung: Was bedeutet die Situation für mich?
Was bedeutet dieses Ungleichgewicht konkret für ein Brandereignis? Menschen bewerten jederzeit die Situation, in der sie sich befinden, hinsichtlich ihrer Bedeutung für das eigene Leben und die Erfüllung ihrer Bedürfnisse, zu denen auch Sicherheit und Wohlbefinden zählt. Diese Bewertung läuft schnell, unbewusst und ganzheitlich ab. Das Ergebnis wird oft als Gefühl wahrgenommen. Je nach (unbewusster) Situationsbewertung wird man z. B. positiv gestimmt, entspannt, gelangweilt, unruhig oder gar verängstigt sein.

Ob eine Lage als „bedrohlich“ empfunden wird, hängt von der Situation ab. (Unkontrolliertes, sichtbares) Feuer ist für die meisten Menschen bedrohlich.

Stärker aber hängt die Bewertung von der Person selbst ab, von ihrem Wissen und Können, ihren Bedürfnissen und ihrem Zustand. Zudem beeinflussen natürlich auch die durch baulichen, technischen und organisatorischen Brandschutz gegebenen Rahmenbedingungen die Bewertung. Beispiele für Faktoren, die über die subjektive Bewertung eines Brandereignisses entscheiden, sind:

  • Erfahrung mit Bränden
  • Erfahrungen mit Evakuierung/Evakuierungsübung(en)
  • Wissen über Gefahren von Rauch
  • Wissen über Fluchtwege
  • körperliche Fitness
  • motorische Einschränkungen
  • Hilfebedarf bei der Evakuierung
  • Vorhandensein von Assistenz und Führung, z. B. durch Evakuierungshelfer
  • Verfügbarkeit angemessener Fluchtwegskennzeichnung oder -lenkung
  • Informationen über die Gefahr
  • (technische) Kommunikationsmöglichkeiten

Wenn beispielsweise in einem Betrieb regelmäßig Brandschutzübungen stattfinden, werden Mitarbeitende einen Schwelbrand unter Umständen nicht als bedrohlich wahrnehmen. Aufgrund der Übungen wissen sie, was zu tun ist und wie sie sich und andere schützen können. Andererseits kann z. B. Brandgeruch bei einer Person mit schlimmen Erfahrungen mit Feuer diese wieder aufrufen, sodass sie die Situation als bedrohlich erleben wird, unabhängig von der Größe des Brandes. Ebenso wird eine Person im Rollstuhl eine andere Situationseinschätzung bei einem Brand haben als Menschen ohne Mobilitätseinschränkung.

Es lässt sich also festhalten: Stress als Reaktion auf ein Brandereignis setzt zunächst die subjektive Bewertung der Situation als bedrohlich voraus. Die Bewertung hängt von persönlichen Faktoren wie Erfahrung, Können und Einschränkungen sowie von wahrgenommenen externen Faktoren wie Führung, verfügbaren Informationen und baulichen Gegebenheiten ab.

Praxistipp 1

Sorgen Sie dafür, dass Mitarbeitende Wissen über das richtige Verhalten bei Brandereignissen haben und dieses auch umsetzen können – Brandschutz- und Evakuierungsübungen helfen, Stress zu vermeiden! Sorgen Sie aber auch dafür, dass Mitarbeitende mögliche Gefahren, z. B. jene von Rauch, kennen.

Die zweite Bewertung: Ist das zu schaffen?
Dieser ersten Bewertung folgt eine zweite (ebenso ganzheitliche und unbewusste), die sich auf eigene Ressourcen zur Situationsbewältigung bezieht.

  • „Werde ich mit der Situation zurechtkommen?“
  • Welche individuellen Ressourcen und welche Ressourcen anderer Personen oder der Organisation stehen zur Verfügung?

Ähnlich wie bei der ersten Situationsbewertung sind hier die wahrgenommenen, nicht die tatsächlich vorhandenen Ressourcen relevant.
Persönliche Ressourcen sind z. B.:

  • Wissen und Können, z. B. Notruf absetzen, Öffnen einer Fluchttüre, Bedienung eines Feuerlöschers oder Evakuierungsstühlen
  • körperliche Fitness
  • Vertrauen auf die Hilfe anderer, z. B.des Teams oder der Feuerwehr

Weitere Ressourcen können beispielsweise sein:

  • zur Verfügung stehende Informationenüber das Brandereignis
  • klare Verhaltensanweisungen
  • Führung durch Personal
  • Unterstützung und Hilfe durch andere Personen
  • Gut ausgeschilderte und beleuchtete Fluchtwege
  • Ausstattung, z. B. mit Feuerlöschern, Evakuierungsstühlen, sicheren Wartebereichen
  • (technische) Kommunikationsmittel

Man kann sich vorstellen, dass Mitarbeitende wenig Stress und Angst erleben, wenn sie auf ausreichend Ressourcen zurückgreifen können. So wirken eine gute Kenntnis der Fluchtwege im eigenen Bürogebäude oder die körperliche Fitness Stress entgegen. Ebenso wirken Maßnahmen, wie die Unterstützung durch Evakuierungshelfer oder Durchsagen mit klaren Informationen und Anweisungen.
Ganz anders wird es einer Person ergehen, die als Kunde oder Gast im Gebäude ist und z. B. schlecht hört, sieht oder mobilitätseingeschränkt ist. Die Unkenntnis über die vorhandenen Fluchtwege oder eine schlechte Erreichbarkeit von Fluchtwegen führt dann zu Stress.

Stressreaktion mit Körper und Geist

Wenn Menschen in Stress geraten, also
ihre Ressourcen als nicht ausreichend erscheinen, hat das nicht nur körperliche Auswirkungen, sondern auch Emotionen, Denken und Verhalten verändern sich. Diese Veränderungen dienen dazu, alle Kräfte zu mobilisieren und zu fokussieren, um die Situation (durch „Kampf“ oder „Flucht“) zu bewältigen.

Für ein Brandereignis relevant sind z. B. folgende Auswirkungen von Stress:

  • Die Person ist körperlich aktiviert. Sie spürt großen Bewegungsdrang und atmet häufiger.
  • Man tut, was man zu tun gewohnt ist. Der Eingang wird als Ausgang genutzt, alternative Ausgänge werden übersehen.
  • Die Wahrnehmung wird eingeschränkt („Tunnelblick“): Fluchtwege können übersehen werden, Durchsagen werden nicht verstanden.
Praxistipp 2

Geben Sie bei Brandereignissen klare und verständliche Anweisungen. Sorgen Sie für Führung und Unterstützung durch ausgebildetes Personal. Wer ausreichend Ressourcen zur Verfügung hat, bewertet eine Situation eher als bewältigbar und erlebt weniger Stress.

Praxistipp 3

Damit Menschen unter Stress Informationen verarbeiten können, müssen diese deutlich, gut lesbar bzw. hörbar sein. Dies gilt z. B. für Fluchtwegbeschilderung und Durchsagen. Anweisungen sollten eindeutig und einfach formuliert werden.

Und die Panik?

Führt großer Stress zu Panik und damit zur Gefährdung der Menschen durch ihr eigenes Verhalten?

Jahrzehntelange Forschung zu realen Katastrophen ergibt ein klares Bild: Menschenmengen geraten generell nicht schnell in Panik. Ursache von Unglücken, die in den Medien als Panik berichtet wurden, waren nach Ereignisanalyse zu hohe Personendichten. Panik tritt also bei Brandereignissen sehr selten auf. Dies trifft selbst für Großbrände zu und erst recht für Evakuierungen bei Bränden, die (noch) nicht wahrnehmbar für die Betroffenen sind.

Es ist dabei wichtig, Panik von Einzelpersonen von Panik in Menschenmengen zu unterscheiden. Menschen können, je nach subjektiver Bewertung der Situation und damit ausgelöster Stressreaktion, durchaus in Panik geraten. Akute Panik (nicht zu verwechseln mit Panikstörungen) ist ein Zustand akuter und extremer Angst, die häufig mit einem Verlust der Selbstkontrolle einhergeht. Menschen in akuter Panik möchten aus der erlebten Gefahrensituation entkommen, da sie eine unmittelbare Bedrohung des eigenen Lebens wahrnehmen. Unter Umständen kann der Impuls, der Situation zu entkommen, übermächtig werden und das Verhalten dominieren. Ob die wahrgenommene Gefahr objektiv vorhanden ist, ist dabei unwichtig – die subjektiven Bewertungen sind maßgebend!

Analog zu Panik bei Einzelpersonen wird Panik in Menschenmengen beschrieben: Mehrere Menschen erleben intensive bis extreme Angst in der gleichen Situation. Diese geht einher mit einem Gefühl von Machtlosigkeit und Kontrollverlust und führt zu überstürztem, eher unkoordiniertem Fluchtverhalten von der wahrgenommenen Gefahr weg. Dabei kann es zu „emotionaler Ansteckung“ kommen, so dass mehr und mehr Menschen in der Menge davonlaufen. In einer solchen Situation können dann nicht-soziales Verhalten und starke Konkurrenz auftreten.
Wie gesagt, wird bei Brandereignissen Panik solcher Art eher nicht vorkommen, v. a. bei angemessener baulicher und organisatorischer Vorbereitung sowie gezielter Lenkung und Führung. Stattdessen ist eher folgendes Verhalten zu erwarten:

  • Menschen unterschätzen die Gefahr, insbesondere die Gefährlichkeit von Rauch.
  • Handlungen werden zu Ende geführt, bis dahin, dass auf einen Feueralarm nicht oder nur langsam reagiert wird.
  • Menschen befriedigen ihre Neugier (z. B. durch Gaffen, Fotografieren), anstatt sich vom Ereignisort zu entfernen).
  • Es wird nach weiteren Informationen gesucht, insbesondere zur aktuellen Gefahr und dazu, was zu tun ist oder was andere tun.
  • Die Evakuierung läuft meist relativ geordnet ab, auch wenn Menschen verängstigt sind.
  • Wenn ein subjektiv als sicher wahrgenommener Abstand zu einer Gefahr erreicht wird, bleibt man stehen.
  • Sozialer Zusammenhalt und Verantwortungsbewusstsein verstärken sich. Menschen helfen einander und unterstützen sich gegenseitig (pro-soziales Verhalten).

Vermeidung von Stress (und Panik) bei einem Brand

Zur Vermeidung und Verringerung von Stress (und damit Panik) sollte Brandschutzbeauftragte menschliches Verhalten in ihre Planung einbeziehen. Dazu gehören beispielsweise:

  • Engstellen und Hindernisse auf Fluchtwegen vermeiden
  • Fluchtwege gut kennzeichnen und beleuchten, um die Orientierung zu unterstützen
  • Brandschutz- und Evakuierungsübungen regelmäßig durchführen, um Wissen und Handlungssicherheit zu vermitteln
  • Personal (z. B. Evakuierungshelfer) ausbilden und ausstatten
  • Im Ereignisfall deutlich alarmieren und klare, aktuelle Informationen über die Gefahr übermitteln
  • Eindeutige Handlungsanweisungen geben
  • Klar und direkt führen, am besten mit Personal vor Ort
  • Kommunikation mit allen Betroffenen durch verschiedene Informationsmedien und -kanäle sicherstellen
Praxistipp 4

Erwarten Sie bei Brandereignissen im Arbeitskontext keine Panik. Rechnen Sie eher damit, dass Menschen auf den Evakuierungsalarm verzögert reagieren und die Gefahr unterschätzen.

Praxistipp 5

Brandschutzbeauftragte sollten das Verhalten von Menschen bei Brandereignissen kennen. So können gezieltere Präventionsmaßnahmen geplant und Eingriffsmaßnahmen vorbereitet werden.

Die Autoren

Dr. Gesine Hofinger und Dr. Laura Künzer sind Diplom-Psychologinnen und Partnerinnen in Team HF – Human Factors Forschung Beratung Training in Ludwigsburg. Sie beschäftigen sich mit allen Themen rund um Menschen und Sicherheit, insbesondere der Gestaltung von Alarmierung, Evakuierungen, Besuchersicherheit, Barrierefreiheit sowie Notfallplanung und Stabsarbeit. Zudem arbeiten sie als Dozentinnen an verschiedenen Hochschulen und Lehrinstituten. Weitere Informationen: www.team-hf.de

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